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Seit über einem Jahr sind viele von uns im Homeoffice. Für die einen war es keine große Umstellung, denn Homeoffice gehörte bereits vor der Pandemie zu ihrem Alltag. Für die anderen bedeutete es eine komplette Veränderung, ohne Vorbereitung, ohne Onboarding und oftmals auch ohne die passende Technik.

Nun ist mehr als ein Jahr vergangen und die meisten sind mit ihrem Kopf, ihrem Team und ihrer Technik im Homeoffice angekommen. Es läuft – meistens. Doch wird das Potenzial ausgeschöpft?

Wird das Homeoffice-Potenzial ausgeschöpft?

Bisherige Studien zeigen, dass das Homeoffice-Potenzial in Deutschland offiziell zwischen 17% (vgl. Pestel 2020), 29% (vgl. Boeri, Caiumi und Paccagnella 2020, The New Hazardous Jobs and Worker Reallocation – COVID-19 and the Labor Market (iza.org)), 37% (vgl. Dingel und Neiman 2020, How Many Jobs Can be Done at Home? | NBER) und 42% (vgl. Fadinger und Schymik 2020, The Effects of Working from Home on Covid-19 Infections and Production A Macroeconomic Analysis for Germany (crctr224.de)) liegt. Doch diese Zahlen zeigen nur eine Teilwirklichkeit, denn ihre Berechnung basiert auf unterschiedlichen Einschätzungen der Autoren, ob bestimmte Tätigkeiten kompatibel mit Heimarbeit sind.

Wählt man einen Ansatz wie Alipour-Falck (Homeoffice während der Pandemie und die Implikationen für eine Zeit nach der Krise (ifo.de))  und zieht die Einschätzungen der Erwerbstätigen selbst heran, ergeben sich ganz andere Werte. In etwa 56% der abhängig Beschäftigten in Deutschland können demnach zumindest zeitweise von zu Hause arbeiten. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen also. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass rund 15% der Erwerbstätigen in dieser Gruppe angeben, zumindest gelegentlich bereits zu Hause zu arbeiten, und rund 8% von regelmäßiger Homeoffice-Nutzung berichten.

Im April 2020 – also vor mehr als einem Jahr – waren es laut einer Befragung tatsächlich 34%, die ganz oder teilweise im Homeoffice arbeiteten. (Schröder et. Al., 2020, 20-29.pdf (diw.de)) Eine Befragung durch LinkedIn unter seinen Mitgliedern in Deutschland ergab einen ähnlich hohen Homeoffice-Anteil während der Pandemie (67%).

Also alle ins Homeoffice für immer und alles wird gut?

Tatsächlich hat die Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice eine positive Auswirkung auf die Eindämmung des Virus. Alipour, Fadinger und Schymik (2020) haben die lokale Verbreitung des Virus anhand von Daten des Robert Koch-Instituts über die Infektionszahlen in den 401 deutschen Landkreisen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass ein höheres Homeoffice-Potenzial insbesondere in der Zeit vor den bundesweit abgestimmten Kontaktbeschränkungen das Infektionsgeschehen verlangsamt hat.

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Was bedeutet dies nun konkret? Fakt ist, dass die Pandemie innerhalb kürzester Zeit viele Hürden und Vorbehalte gegenüber dem Homeoffice abgebaut hat – einfach, weil aus dem „Kann“ ein „Muss“ geworden ist. Fakt ist auch, dass für viele Unternehmen das Angebot von Homeoffice in der Zwischenzeit ein Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte geworden ist.

Dennoch gibt es auch Gründe dafür, dass eine vollständige Verlegung der Arbeit an den heimischen remote Arbeitsplatz eine Illusion bleiben wird. Denn für viele – insbesondere Familien – bedeutet dauerhaftes Arbeiten von Zuhause Be- statt Entlastung. Dies geht auch aus der bereits genannten LinkedIn-Umfrage hervor. 36% der Befragten gaben an, dass sie gerne wieder an ihren Arbeitsplatz wechseln würden. Häufigster Grund waren Einsamkeit und mangelnder sozialer Austausch. Mehrere Studien deuten zudem darauf hin, dass der Wechsel ins Homeoffice mit einer Ausweitung der Arbeitszeit und mit mehr Überstunden verbunden ist (vgl. Arntz et al. 2019 für eine Übersicht, Arntz, M., et al. (2016) The Risk of Automation for Jobs in OECD Countries. OECD Social, Employment and Migration Working Papers, OECD Publishing, Paris. – References – Scientific Research Publishing (scirp.org)). Viele empfinden auch Leistungsdruck und eine erschwerte Trennung von Arbeit und Privatleben. Nicht zuletzt hat eine Studie der Deutschen Bank ergeben, dass die Produktivität im Homeoffice nicht, wie bisher immer angenommen höher ist, sondern in der Tat geringer als Im Büro. Ein Grund dafür: erschwerte Kommunikation, IT-Probleme und Zusatzbelastung durch Familie. (Arbeiten im Homeoffice steigere die Produktivität, sagen Angestellte — eine Studie hat nun das Gegenteil herausgefunden (msn.com))

Dass das Homeoffice – Potenzial nach der Pandemie voll ausgeschöpft wird, ist also eher nicht zu erwarten. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich hybride Arbeitsweisen etablieren werden. Diese schon jetzt realisierbar zu machen und sowohl Arbeitsflächen, als auch Homeofficeplätze und Arbeitsnehmer darauf vorzubereiten muss schon jetzt Aufgabe der Arbeitsgeber sein.

Business as usual oder Neue Normalität?

Business as usual wird also nach der Pandemie nicht funktionieren. Aufgabe der Arbeitgeber ist es jetzt schon darüber nachzudenken, wie Arbeit in der Zukunft aussehen kann und soll. Unternehmen wie Survermonkey nutzen dazu Mitarbeiterbefragungen, um die Bedenken der Mitarbeiter nachvollziehen zu können.

Die Ergebnisse spiegeln die Bedenken wider, die bereits die LinkedIn Umfrage gezeigt hatte.  Hervorzuheben ist die Angst vor sozialer Isolation und Bedenken eine ideale Work-Life Balance zu finden.  Helfen sollen bei der Rückkehr die Implementation von Bürorichtlinien, die ein Gefühl von Sicherheit und Gelassenheit geben sollen.

Wie wird und soll Sie denn nun aussehen, die neue Normalität, von der alle reden? Flexibilität scheint hier das Wort der Stunde zu sein. In der globalen Deloitte Studie Human Capital Trends 2021 gaben 61 Prozent der befragten Executives an, aktuell eine Umgestaltung der Arbeit ins Auge zu fassen. Vor der Pandemie waren es nur 29 Prozent.  (Human Capital Trends 2021 | Deloitte Deutschland) Doch wie soll diese Umgestaltung aussehen?

Ein erster Schritt wäre die Änderung der Perspektive der Arbeitsgeber. Weg von der 9-5-Mentalität, hin zu einer Ergebnis-orientierten Perspektive, die gleichzeitig ein besser auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter ausgerichtetes Arbeiten möglich macht.

Ein weiterer Schritt ist die Anpassung des Arbeitsplatzes. Weg von festen Schreibtischen und Großraumbüros. Hin zu Activity Based Working mit Bereichen für konzentriertes Arbeiten, für Meeting, aber auch zum sozialen Austausch – alles in Einklang mit einem umfassenden Hygienekonzept.

Vor allem aber muss jetzt eines geschehen, Unternehmen müssen aus dem Krisenbewältigungsmodus aussteigen und in einen Modus wechseln, der auf die Zukunft der Arbeite abzielt. Die neue Normalität sollte uns nicht überrollen, wir sind in der Lage, sie zu gestalten.

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