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Es klingt verlockend: Zuhause arbeiten, in den eigenen vertrauten vier Wänden, umgeben von allem, was uns wichtig ist und gefällt. Zwischendurch ins Schwimmbad gehen oder in der Eisdiele sitzen. Für viele Arbeitnehmer*innen in Deutschland ist dies Alltag geworden.

Beschäftigten gefällt diese neue Art des Arbeitens: Sie sagen, dass sie gern von zuhause arbeiten – und dies sogar länger und produktiver als im Büro. Am liebsten möchten die meisten zwei bis drei Tage pro Woche von zu Hause aus arbeiten, dies ist das Ergebnis der repräsentativen Studie der Forscher*innen Florian Kunze, Kilian Hampel und Sophia Zimmermann von der Universität Konstanz.

Jedoch klagen viele Befragte auch von schwerwiegenden Nach- teilen: Jeder fünfte fühlt sich im Homeoffice einsam und sozial isoliert, knapp jeder sechste klagt über emotionale Erschöpfung.

Weitere Herausforderungen für das Selbstmanagement sind diszipliniertes Arbeiten bei verlockenden Ablenkungen und Aufschieberitis (wissenschaftlich: Prokrastination). Aufschieberitis führt dazu, dass unangenehme Pflichten so lange aufgeschoben werden, bis sie unter enormem Zeitdruck angesichts drohender Abgabetermine fertiggestellt werden müssen. Gewiss: Einige brauchen den Druck der nahenden Deadline, um gute Ergebnisse abzuliefern; doch bei Aufschieberitis wird die Zeit bis zur Abgabe als quälend empfunden, die Person steht permanent unter Stress und hat ein schlechtes Gewissen. Aufgrund solcher und vieler weiterer Probleme wird nach Einschätzung von Unternehmensberater und Blogger Thomas Knüwer der Ausbau von Homeoffice „als einer der großen Managementfehler in die Geschichte eingehen“. Auch wenn die Entwicklung nicht jeder so schwarz sieht: In jedem Fall ist Homeoffice ein Thema für Selbstmanagement.

Selbstführung wird immer schwieriger

Selbstmanagement ist die Kompetenz, die eigene persönliche und berufliche Entwicklung weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen zu gestalten. Hierzu gehören selbständige Motivation, Ziele setzen, planen, Zeit managen. Andere Begriffe für Selbstmanagement sind Selbststeuerung, Selbstregulierung, Selbstführung.

Selbstmanagement scheint sich zur Schlüsselqualifikation in der Digitalisierung zu entwickeln: TNS Emnid fragte in der Studie „Weiterbildungstrends in Deutschland 2016“ nach den Auswirkungen des technologischen Wandels auf das eigene Unter- nehmen. Von den 300 Befragten antworteten 40 Prozent, das „Selbstmanagement der Mitarbeitenden wird wichtiger“. Die Antwort belegte Platz 3 nach „Die Mitarbeiter müssen multieinsatzfähig sein“ (42 Prozent) und „Die Komplexität der Aufgaben nimmt zu“ (43 Prozent).

Gute Gefühle rauf und negative runter

Grob gesagt geht es beim Selbstmanagement zum einen darum, positive Gefühle zu verstärken. Das ist einfach, wenn wir Dinge gerne tun. Die Kompetenz zur Selbstmotivation wird vor allem dann wichtig, wenn wir etwas tun sollen, das wir überhaupt nicht mögen, wie das Erstellen der Steuererklärung (falls es Ihnen geht wie mir); zum anderen geht es beim Selbstmanagement darum, negative Gefühle herunter zu regulieren, sich also bei Genervtsein, Unsicherheit und Isolation selbst beruhigen zu können.

Schwierigkeiten beim Selbstmanagement

Das Schwierige: Positive und negative Gefühle steuert nicht unser Verstand, sondern unser Unbewusstsein. Von dessen Arbeit kriegen wir nicht das geringste mit. Das Unbewusste versteht keine Zahlen und rationalen Argumente, sondern es arbeitet mit Bildern und Geschichten. Jeder kennt diese beiden getrennt arbeitenden Systeme des Verstandes und des Unbewussten, der sich angesichts starker Flugangst versucht hat, durch die aktuelle Absturzstatistik zu beruhigen.

Wer dennoch versucht, sich einzig über den Verstand zu managen, motiviert sich durch Sätze wie „Beiß die Zähne zusammen und durch“, „Sieh es als Herausforderung“, „Komm aus Deiner Komfortzone“, „Überwinde Deinen inneren Schweinehund“. Für kurze Zeit kann das gut gehen – Steuererklärung machen, zum Zahnarzt gehen und einzelne unliebsame Pflichten erledigen. Je- doch über längere Zeit in diesem Modus zu verharren, wie im Homeoffice, kostet sehr viel Energie – Selbsterschöpfung kann die Folge sein, bekannter als „Burn-out“. Fachleute raten, nicht mehr als ein Drittel des Tages unter den Druck durch den Ver- stand zu setzen. Was ist die Alternative?

Lösung: Zielführende Bilder und Geschichten

Unser Unbewusstsein liebt Bilder und Geschichten. Auch bildhafte Sprache erfüllt diesen Zweck, wie alle wissen, die Harry- Potter-Romane lieben. Frage: Welche Art von Bildern sollten wir nutzen? Antwort: Wir sollten motivierende (Sprach-)Bilder einsetzen, die uns möglichst gut gefallen und zu unseren eigenen Zielen passen. Von diesen Zielen gibt es vier: Wir suchen gelungene Beziehungen, wollen Neues lernen, Dinge bewegen und frei und selbst bestimmt fühlen.

Jeder Mensch verfolgt alle vier Ziele – sie sind jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Jeder kann daher versu- chen, seinen speziellen Persönlichkeits-Mix zu erkennen und sei- ne Aktivitäten zuhause entsprechend zu gestalten.

Hier noch einige Erläuterungen zu den Zielen:

  • Beziehung als Ziel: Dies meint den Wunsch nach Kontakt, das Streben nach sozialem Austausch, nach Aufbau und Unterhalt von sozialen Beziehungen. Ist das Ziel stark, führt dies dazu, dass wir den Wunsch nach Nähe, persönlichem Kontakt und Kommunikation entwickeln. Wir versuchen, neue soziale Beziehungen aufzubauen, bestehende Beziehungen zu pflegen oder nach einem Streit wieder eine positive emotionale Beziehung herzustellen. Besonders wichtig ist, dass eine gute Stimmung in ihrem Umfeld herrscht.
  • Leistung als Ziel: Dies beinhaltet den Wunsch nach Herausforderung, Stimulanz, das Streben nach neuen spannenden Reizen. Ist dieses Ziel ausgeprägt, sind Menschen neugierig, sie suchen nach Möglichkeiten, Dinge zu erforschen, Neues zu lernen und ihre Kompetenzen zu erweitern. Sie mögen den Wettbewerb, sie wollen besser werden und ihre Tüchtigkeit unter Beweis stellen. Deshalb wollen sie sich an einem inneren oder äußeren Gütemaßstab messen. Das heißt, sie vergleichen ihre Leistung gerne mit vorangehenden eigenen Resultaten (innerer Gütemaßstab) oder sie vergleichen sich mit Konkurrenten/Mitspielern (äußerer Gütemaßstab). Es ist ihnen wichtig, dass etwas gelingt. Nicht der Weg ist deshalb das Ziel, sondern das Ergebnis zählt, als Maßstab für ihre Leistung.
  • Macht als Ziel: Dahinter steht das Bedürfnis nach Einflussnahme und Dominanz, der Wunsch, frei und unabhängig von anderen zu handeln und sich durchzusetzen. Der Begriff „Macht“ wird leider oft mit negativer Konnotation gebraucht; zunächst bedeutet er, etwas machen können, etwas zu tun vermögen. Ist dieses Ziel ausgeprägt, wollen Menschen et- was bewirken, Dinge nach ihren Vorstellungen gestalten und Verantwortung übernehmen. Sie streben danach, selbst Einfluss auf andere oder die Situation zu nehmen und auch die Kontrolle über die Mittel zu erhalten, mit denen man andere beeinflussen kann.
  • Freiheit als Motiv: Dies umfasst den Wunsch nach freiem Selbstsein, sich frei und unabhängig von anderen in die Rich- tung zu entwickeln, die wir selbst wollen und so sein zu können, wie wir es möchten. Es geht um ein Streben nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, aber auch nach Selbst- erkenntnis und Selbstwachstum. Wenn wir so sein können, wie wir möchten, unabhängig von inneren und äußeren Zwängen, so verspüren wir ein Gefühl des Freiseins und ein Vertrauen auf unsere eigenen Fähigkeiten.
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Ziele gut, Gefühle gut

Haben wir unsere Ziele nach Beziehungen, Leistung, Macht und Freiheit erreicht, fühlen wir uns wohl: Gefühle sind nämlich wichtige Signalgeber, ob wir unsere Ziele unserer Persönlichkeit gemäß leben. Sind unsere Beziehungen so wie wir diese brauchen, fühlen wir uns sicher und geborgen; sind sie es nicht, fühlen wir uns einsam. Weitere Beispiele:

  • Leistung: Wenn wir es angemessen leben, fühlen wir uns angeregt; tun wir dies nicht, sind wir gelangweilt.
  • Macht: Positive Gefühle sind Überlegenheit und Siegesgefühl, negative Gefühle sind Unterlegenheit und Wut.
  • Freiheit: Als positive Gefühle fühlen wir uns frei und unabhängig, negative Gefühle sind Abhängigkeit und Fremdbestimmung.

Eine weitere Technik sind Lieblingselemente. Hierbei suchen Sie sich etwas aus, das Sie lieben und das über Eigenschaften verfügt, die Sie bei Ihrem Anliegen unterstützen, also zum Beispiel bei Aufschieberitis oder Selbstberuhigung:

  • Gibt es ein Tier, das solche Eigenschaften hat?
    • Gibt es ein Fahrzeug, das Sie unterstützen kann? (Junge Männer wählen bei Aufschieberitis oft ein Sportauto.)
    • Gibt es eine Person, real oder fiktiv, die Eigenschaften hat, die Sie dabei unterstützen?
    • Gibt es eine geeignete Landschaft?
    • Gibt es eine Pflanze, die Sie lieben und die diese Eigen- schaften hat?
    • Gibt es Musik oder ein Lied, das Sie unterstützen kann?

Alle diese Elemente können Handlungsenergie freisetzen oder beruhigen. Optimal ist, zum Lieblingselement auch ein bildhaftes Motto zu formulieren wie etwa „Ich gebe mein Bestes“, „Wenn ich keine Lust habe, setze ich mich hin und fange an“ (wirkt bei mir super), „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ und „Ich lebe meine Löwenkräfte“.

Wem Selbstmanagement gelingt, darf sich an der Arbeit zuhause erfreuen, sich in den eigenen vier Wänden mit allem umgeben, was gut tut. Und zwischendurch auch mal ins Schwimmbad oder in die Sauna gehen.

Konsequenzen für unser Selbstmanagement sind, dass wir zum einen an negativen Gefühlen versuchen zu erkennen, welches unserer Ziele wir zu wenig im Homeoffice beachten; zum an- deren können wir uns mit Bildern und Geschichten umgeben, die Motive aus diesen vier Zielen zeigen. Generell gilt, dass wir eine Absicht dann in die Tat umsetzen, wenn sie zu mehr als 70 Prozent mit spürbar guten Gefühlen verbunden ist. Wie finden wir solche Bilder? Überall. Zum Beispiel in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet, am Ständer mit Ansichtskarten.

Quellen
Florian Kunze, Kilian Hampel und Sophia Zimmermann (2020): Homeoffice in der Corona-Krise – eine nach- haltige Transformation der Arbeitswelt? https://www.progressives-zentrum.org/wp-content/uploads/2020/07/ Studie_Home-Office-in-der-Corona-Krise.pdf

Knüwer, Thomas (2020): Größter Management-Fehler 2020: Der irrige Glaube an das Home Office. https://www.indiskretionehrensache.de/2020/08/management-fehler- home-office/

Harvard Business Manager, 1.5.2020: Homeoffice: Leistung stimmt trotz Isolation – Die Konstanzer Homeoffice-Studie von Florian Kunze & Sophia Zimmermann.

Jan Knoff

Prof. Dr. Georg Adlmaier-Herbst ist Marken- und Kommunikationsexperte. Er lehrt und forscht an der Universität der Künste Berlin zu Themen der Digitalisierung, der Kommunikation und des Selbstmanagements. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise und publizierte in renommierten internationalen Fachzeitschriften. Darüber hinaus ist er als selbstständiger Berater, Trainer und Coach für Unternehmen, Organisationen und Personen tätig.

www.dietergeorgherbst.de https://bmm-online.org

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